Was ist Kunst? Schon wieder.

 

Auch das zweite Semester starten wir mit der Gretchenfrage: «Was ist Kunst?». Dabei treffen wir auf zwei Protagonisten die in Zeiten äusserten, die unterschiedlicher nicht sein konnten und vielleicht auch deshalb zwei Positionen vertreten, die in ihrer Radikalität zwar an Klarheit und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, sich jedoch so komplementär gegenüber stehen, dass sie sich in ihrer Addition gegenseitig auslöschen. Während der US-amerikanische Philosoph John Dewey 1931 versucht ein universelles Kunstverständnis zu etablieren, das nicht nur die Kunstproduktion sondern auch die Rezeption der Kunst als eine Erfahrung definiert die untrennbar mit dem menschlichen Leben und damit mit all seinen Aspekten verknüpft ist, proklamiert Ad Reinhardt knapp 30 Jahre später, dass Kunst eben nur Kunst sei und alles andere sei alles andere.

Dass John Dewey bestrebt ist, in einer Zeit, in der Kunst vornehmlich in Museen stattfindet und aus dem alltäglichen Leben verschwunden ist, die Kunst wieder mitten in das Leben zu stellen, ist als reaktionäre Antwort auf den Zeitgeist genauso verständlich wie wenn Ad Reinhardt einer grenzenlosen Erweiterung des Kunstbegriffs sein radikales Verständnis von Art-as-Art gegenüberstellt und versucht, die Kunst im Museum von Zeit und Raum und damit auch vom alltäglichen Leben zu abstrahieren. Interessant ist jedoch, wie beide versuchen mit ganz unterschiedlichen Strategien zu Erkenntnisgewinn zu gelangen. Während John Dewey den Kunstbegriff zu fassen versucht, in dem er die Kunst ins Zentrum stellt und durch Verknüpfungen in die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens den Begriff quasi nach aussen zu verankern versucht, wählt Ad Reinhardt den Weg nach innen und versucht zum innersten Wesen der Kunst vorzudringen in dem er sie so lange von allen Bezügen loslöst bis er zum Kern vordringen kann und die Kunst nur noch sich selbst genügen muss.

Nun ist es müssig, darüber zu streiten welcher Ansatz der gewinnbringendere sei und ob nun John Dewey oder Ad Reinhardt oder einer von all den anderen, die den Versuch unternommen haben, die Kunst in ihrem Wesen zu definieren näher bei der Wahrheit gelandet sei. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass die einzelnen Antworten auf die Frage, was den diese verflixte Kunst nun sei und was nicht, auch durch mehrmaliges und wiederholtes Nachfragen nicht an Überzeugungskraft zulegen können sondern man sich im Gegenteil, mit jedem Versuch eine Antwort zu finden mehr und mehr von der Beantwortung der eigentlichen Frage entfernt. Doch sollte man deshalb die ständige Fragerei besser bleiben und die Kunst eben Kunst sein lassen? Ich denke nicht, denn schliesslich ist es die ewige Fragerei, die den Menschen auszeichnet und auch weiter bringt. Nur wer darauf hofft, die Frage beantworten zu können wird daran wohl verzweifeln.