Was ist meine Identität?

 

Was ist Kultur(elle Identität)? ist die Frage des zweiten Seminars. Und obwohl nur in Klammern geschrieben, bleib ich an diesem Wort Identität hängen. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit Bea Schlingelhoff im ersten Semester in der sie den Identitätsbegriff oder zumindest den Vorgang sich mit etwas oder jemandem zu identifizieren vehement ablehnte, da sich identifizieren bedeuten würde sich gleich, eben identisch zu machen und damit jede Individualität verloren ginge. Ich versuchte den Identitätsbegriff zu verteidigen, da ich überzeugt bin, dass jeder Mensch eine Identität hat und dass gerade die stetige Auseinandersetzung mit der eigenen Identität für das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein eines jeden zentral ist. Und weil ich überzeugt bin, dass man durch das zulegen einer Identität eben erst zum Individuum wird und sich nicht in einem Kollektiv auflöst.

Im Verlauf des bisherigen Studiums musste ich feststellen, dass die Identitätsfrage immer wieder im gesellschaftlichen aber auch im Kunstdiskurs auftaucht und dass, gerade wenn man die historische Dimension nicht ausblendet, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Identitätsbegriff notwendig ist. Die Kruks liegt nämlich darin, dass ich mir selbst als Individuum durchaus eine Identität zulegen kann oder sogar soll. Dass diese Identitätsbildung sogar zentral ist in der Entwicklung eines jeden Menschen zum Individuum. Dass jedoch umgekehrt eine Identitätszuschreibung von aussen tatsächlich den Menschen gleichstellt mit vermeintlich gemeinsamen Eigenschaften einer Gruppe und so das Individuum eben doch in einem Kollektiv sich aufzulösen droht. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Identitätsbildung immer auch über Abgrenzung funktioniert. Wenn ich ein Mann bin, dann bin ich eben keine Frau. Wenn ich Schweizer bin, dann bin ich eben kein Franzose, Italiener, Deutscher, Österreicher etc. Aber muss Abgrenzung immer auch Ausgrenzung bedeuten? 

Ich denke, zwei Dinge sind wichtig, für einen vernünftigen Umgang mit dem Identitätsbegriff. Erstens sollte man Identität immer und konsequent als etwas individuelles verstehen. Es gibt keine identischen Menschen und Identitäten können nicht geteilt werden. Kollektive Identitäten und damit auch Dinge wie kulturelle Identitäten bleiben immer fiktiv und sind politisch oder gesellschaftlich gewollt und können gleichermassen helfen, die Menschen weiter zu bringen oder zu unterdrücken. Selbstverständlich teilen Menschen gewisse Eigenschaften, Haltungen oder kulturelle Prägungen. Seine eigene Identität muss dafür aber niemand abgeben. Wer das tut, ist selbst Schuld, wer anderen aber eine individuelle Identität abspricht, ist zu bedauern. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass man eine Identität immer als ein Konglomerat aus unzähligen Attributen und Eigenschaften versteht. Zu sagen, ein Mensch könne mehrere Identitäten haben würde wohl die Psychologen und Psychiater auf den Plan rufen. Aber zumindest besteht die Identität eines jeden Individuums aus unzähligen Facetten.