La suisse existe

QUE DANS LES TÊTES.


 

«It is no longer a question of imitation, nor duplication, nor even parody. It is a question of substituting the signs of the real for the real.»

Jean Baudrillard, Simulacres et Simulation

 

 

Hyperrelität. Simulakrum. Tönt irgendwie nach Science Fiction und einer Welt mit der wir nicht wirklich etwas zu tun haben und wohl auch nichts zu tun haben möchten. Schliesslich ist doch alles was mich umgibt real, physisch präsent. Der Stuhl auf dem ich sitze, die Tasse Tee die ich in der Hand halte, der Baum vor dem Fenster. Ausschnitte aus dem Film «The Matrix» verstärken diese Vorstellung von der Hyperrealität als ein Phänomen des Science Fiction. Dabei leben wir mitten drin, schon lange, vielleicht schon immer. Zumindest seit wir kommunizieren. Das wird schnell klar wenn wir bei der Definition der Hyperrealität davon ausgehen, dass es eine einfache Realität gibt, die sich auf dingliche Begriffe reduzieren lässt und dass jede Kommunikation diese Realität durch verfälschende Weitergabe von Informationen in eine Hyperrealität verwandeln kann. Nicht erstaunlich also, dass wir gerade in unserem "Kommunikationszeitalter" umzingelt sind von Hyperrealität. Denn Kommunikation läuft kaum ohne Informationsverlust oder -verzerrung ab. Was mich mehr erstaunt, dass trotzdem so selten darüber gesprochen wird.

Nehmen wir die Schweiz als Beispiel. Die Schweiz als Nation, als "vorgestellte Gemeinschaft". Gibt es die Schweiz überhaupt? Gibt es DIE Schweiz? Oder gibt es unzählige Schweizen? Oder gibt es die nur in unseren Köpfen? Am einfachsten haben es vielleicht die Geografen. Den Grenzen der Schweiz entlang wandernd, von Grenzstein zu Grenzstein definieren sie, was Schweiz ist. Zumindest heute, denn auch das war nicht immer so und muss nicht immer so bleiben. Und was ist die Schweiz sonst noch? Berge, Kühe und Schokolade? Als ich zum Thema «Was ist Moderne/Was ist eine Nation?» Fotos sammelte, die meinem Schweiz-Bild entsprechen, oder zumindest der Schweiz, die ich einem Freund aus einem Fremden Land zeigen würde, war ich selber erstaunt, wie viele Klischees da auftauchten. Berge, Kühe, Schnee, Bauerndörfer. Gut auch noch bisschen Design, Urbanität und Nebel. Eine hyperreale Schweiz, ein Swiss-Miniature quasi, gebaut und bewirtschaftet von Tourismus- und Werbeindustrie mit unkaputtbaren Restanzen der geistigen Landesverteidigung.

Ist das nun ein Problem? Abgesehen davon, dass ich mich in meinem Selbstverständnis als weltoffenen und kritisch denkenden Menschen etwas ertappt fühle, und mit erstaunen feststellen muss, dass wohl mehr Kuhschweizer in mir steckt als mir vielleicht lieb ist, nicht wirklich. Dass sich diese meine Hyperrealität in weiten Teilen mit vielen anderen Hyperrealitäten deckt, führt zu einem irgendwie wohligen Heimatgefühl. Die Situation wenn man auf Reisen einen anderen Schweizer trifft und ihn an seiner Freitag-Tasche erkennt ist dafür bezeichnend. Irgendwie fühlt man sich doch verbunden, obwohl man sich komplett fremd ist. Das mag vielleicht bisschen kleinkariert sein, aber nicht wirklich schlimm. Bedenklich und mitunter gefährlich wird es in meinen Augen, wenn Hyperrealitäten konstruiert werden um gezielt politische Entscheidungen zu beeinflussen. Aktuelle Beispiele aus der hiesigen Politik dazu lassen sich leider nur zu schnell finden, denn gerade eine direkte Demokratie ist äusserst anfällig für derlei Manipulationen. Zum Beispiel wird in der Debatte um die Migrationspolitik immer wieder «unser» Wohlstand ins Feld geführt, den wir uns als fleissige Schweizer Bürger hart erarbeitet hätten und der nun durch die vermehrte Migration bedroht sei, namentlich von Menschen die eben nichts zu diesem Wohlstand beigetragen hätten oder die – je nach Lesart – halt zu wenig fleissig waren. Dass gerade Migranten und Saisoniers viel zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen haben wird ebenso wenig erwähnt, wie die Tatsache, dass internationale Rohstoffkonzerne und Banken mit Sitz in der Schweiz ausbeuterische Geschäfte auf Kosten der Ärmsten treiben und damit auch in unsere Taschen wirtschaften. Ähnlich gelagert wird die Diskussion um die Ausschaffung von kriminellen Ausländern geführt. Die «ausufernde Kriminalität» begangen von Ausländern müsse nun endlich gestoppt werden, heisst es von der wählerstärksten Partei. Ein Blick in die Statistik zeigt jedoch, dass die Ausländerkriminalität in den vergangenen Jahren nicht markant zugenommen hat. Also keine Rede von ausufernder Kriminalität. Doch das Argument wird in der Diskussion kaum von den anderen Parteien kaum widerlegt, im Wissen darum, dass sich mit Kriminalität und Ausländern gleich zwei Ängste bewirtschaften lassen und die Botschaft der ausufernden Kriminalität des kriminellen Ausländers in den Köpfen vieler WählerInnen bereits hyperreal ist. Dies zeigt auch eine Umfrage des Tagesanzeiger bei der die Anzahl krimineller AusländerInnen und Schweizer an der Gesamtbevölkerung massiv überschätzt wird. (Quelle: http://blog.tagesanzeiger.ch/datenblog/index.php/11293/so-kriminell-sind-auslaender-wirklich).
Dass die Angstmacherei greift und neue politische Hyperrealitäten generiert ist nicht weiter erstaunlich. Warum soll, was in der Werbe- und Tourismusindustrie funktioniert nicht auch in der Politik funktionieren. Im Gegensatz zu Toblerone Schokolade oder Souvenirshops in Zermatt müsste man aber bei der politischen Meinungsbildung dringend genauer hinschauen – und darüber sprechen.